Gernot Erler (MdB)


Herr Erler, Sie werden öfter als Russland-Versteher bezeichnet. Empfinden Sie das als Lob oder Vorwurf?

Das interessante ist, dass die einen mich Russland-Versteher nennen, die anderen behaupten, ich sei ein Hardliner. Das hängt immer vom Standpunkt ab. Für mich ist es kein Vorwurf, Russland-Versteher zu sein, da für mich der Gegensatz Russland-Nichtversteher ist. Und da ist es besser, man kennt sich mit dem Land aus, dann wird man auch jetzt keineswegs die Schwierigkeiten und auch die schwierigen Teile der russischen Politik beschönigen wollen. Und das tue ich auch nicht. Aber es macht natürlich Sinn, ein bisschen unter die Oberfläche zu gehen und nach den Entwicklungen und den Wahrnehmungen zu fragen, die es in Russland gibt, und die sich von den westlichen Wahrnehmungen unterscheiden. Nur so kann man überhaupt verstehen, wie die krisenhafte Entwicklung, die wir im Moment zweifellos haben, entstanden ist. Denn nur dann kann man auch gegenhalten und Wege raus aus dieser Krise finden.

Sie meinen die Situation in Syrien und der Ukraine?

Ja, natürlich. Wir haben im Augenblick die tiefste Krise zwischen Russland und dem Westen seit Ende des Kalten Krieges. Und das hängt vor allem mit dem Ukraine-Konflikt zusammen. Hier gilt es, sich eben nicht nur einfach auf irgendeinen Prozess einzulassen, der Anklage erhebt, sondern einen Dialog zuzulassen, der an die Wurzeln des Konfliktes geht. Das ist ein Thema, das mich interessiert und das ich in den letzten Jahren auch versucht habe voranzutreiben.

Gibt es ein Vorbild, wie sie sich zukünftig zu Wort melden wollen?

Da denke ich spontan an Wolfgang Thierse, der als ehemaliger Parlamentspräsident – wie ich finde -immer den richtigen Ton trifft, wenn er gefragt wird, wie er bestimmte Fragen einschätzt. Aber ich werde mich auf jeden Fall nicht zu irgendwelchen Wortmeldungen drängeln. Wenn jemand fragt, werde ich nicht nein sagen. Aber ich werde nicht den Fehler machen zu versuchen, jetzt ohne das Mandat die gleiche Rolle spielen zu wollen, wie ich sie mit Mandat gespielt habe und womöglich durch irgendwelche auffälligen Wortmeldungen auf mich aufmerksam machen. Ich werde mich da eher zurückhalten. Wenn ich gefragt werde, ist es gut, aber es gibt dann andere, die zuständig sind. Und deren Zuständigkeit werde ich nicht antasten.

Was war eigentlich der schönste Moment Ihrer politischen Laufbahn?

Der schönste Moment war 1998, als nach 16 Jahren Kohl, von denen ich 12 Jahre im Bundestag erlebt habe, plötzlich auf dem erhöhten Sitz des Bundeskanzlers Gerhard Schröder Platz nahm und Wolfgang Thierse Parlamentspräsident wurde. Dieser Augenblick, wo man aus dem Plenum den Vollzug dieses politischen Wechsels haptisch erlebt hat, den habe ich nicht vergessen.

In den Augen der Anderen

„Es ist schade, dass Gernot Erler den Bundestag verlässt, da er zu den profiliertesten und klügsten Außenpolitikern gehört. Außerdem ist er immer Mensch geblieben: anständig, uneitel – vor allem aber mit einem festen Wertefundament, mit den Menschenrechten im Blick. Er war stets Brückenbauer, nicht Sprengmeister; Vermittler, nicht Provokateur; Zuhörer, nicht Lautschwätzer. Keine Selbstverständlichkeit!“

Claudia Roth MdB
Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages
Bundestagsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen